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KI-Experte
Deutschland droht den Anschluss zu verlieren

Von den USA über Frankreich bis hin nach China: Weltweit erkennen immer mehr Staaten das Potenzial der Künstlichen Intelligenz (KI) und investieren gezielt in den Bereich. Auch Deutschland stellt sich diesem globalen Wettbewerb. Die Finanzplanung der Bundesregierung sieht 3 Mrd. Euro auf sechs Jahre verteilt zur Förderung der KI-Forschung vor. Viel zu wenig, kritisieren Experten den Kabinettsbeschluss der Koalition. „Die nun auf sechs Jahre ausgelegten 3 Mrd. Euro Fördergelder sind zwar ein Anfang, doch gezielte Unterstützung müsste innerhalb eines weitaus kurzfristigeren Zeitraums geschehen, um wirkliche Fortschritte zu erreichen“, teilte Dr. Heiner Pollert, CEO der Patentpool Group und Gründer des KI-Unternehmens Prisma Analytics, am Montag in einem Statement mit.

Auf einem so rasant wachsenden Feld wie der KI gelte es, progressiv zu denken und zu handeln, andernfalls sei der Anschluss an die Konkurrenz bald verloren, kritisierte Pollert. Es gehe nun darum, innovative Ideen von Nachwuchsunternehmen zu unterstützen. Der Experte verwies auf das Beispiel USA, wo bereits weit über 1.000 Start-ups mit KI-Angeboten existierten. In Deutschland seien es in diesem Jahr gerade einmal 214, was daran liege, dass sich im Ausland einfacher und unbürokratischer Wagniskapital finden lasse. „Es ist höchste Zeit, dass bei uns nun etwas geschieht: Das Know-how in der Anwendung muss weiter sowie effizienter gefördert werden und es braucht ausreichend finanzielle Ressourcen zur Umsetzung – ohne bürokratische Hürden“, betonte Pollert.

„Offenheit gegenüber KI fördern“

Zudem spiele auch der gesellschaftliche Faktor eine wichtige Rolle. KI gewinne im öffentlichen Diskurs immer mehr an Bedeutung, die allgemeine Skepsis nehme ab. „Trotzdem herrschen weiterhin diffuse Ängste einer robotergeführten Zukunft, die es zu überwinden gilt“, forderte Pollert. Die Bevölkerung gezielt an das Thema heranzuführen, Offenheit gegenüber KI zu fördern und ihre Chancen aufzuzeigen, seien wichtige Aufgaben, die auch von der Politik erfasst werden müssten. „Das Ziel der Bundesregierung, Deutschland als Vorreiter auf dem Gebiet der KI zu platzieren, ist ambitioniert, aber geradezu unrealistisch, wenn das Tempo nicht angezogen und ein Umdenken bei der Mittelverteilung nicht eingeleitet wird.“ KI-Technologien hätten das Potenzial, Antworten auf die großen Fragen unserer Gesellschaft zu liefern – etwa in den Bereichen Klimaschutz, Medizin oder Kapitalmarkt, so Pollert.

Eine kürzlich vorgestellte Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung hat untersucht, welche Anstrengungen andere Länder im Bereich KI unternehmen und wie der jeweilige Stand der Forschung vor Ort ist. Demnach gibt es in den USA eine Reihe von Faktoren, die die globale Führungsposition des Landes bei KI begründen würden: Hierzu zählten unter anderem die einflussreichsten Publikationen zum Thema, jährlich geschätzt über 3.000 Promovenden in diesem Bereich, sieben der weltweit zehn größten Technologiekonzerne und seit 40 Jahren gewachsene Kooperationsstrukturen zwischen Universitäten, Behörden und Unternehmen.

Noch keine gesamtstaatliche Strategie der Trump-Regierung

Angesichts zunehmender Konkurrenz – vor allem durch China – und der strategischen Relevanz für Wirtschaft und Gesellschaft, habe die Obama-Administration die weltweit erste nationale KI-Strategie vorgelegt. Eine gesamtstaatliche Strategie der Trump-Regierung stehe hingegen weiterhin aus, hieß es. In Ergänzung zum Privatsektor erhalte die Grundlagenforschung Impulse durch einen überwiegenden Teil des jährlichen KI-Budgets der Regierung (1,3 Mrd. Euro). Zusätzlich schafften die Fachministerien einen Markt für KI, das Verteidigungsministerium allein mit 6,3 Mrd. Euro (2017). Darüber hinaus unterstütze Washington die Kommerzialisierung von KI durch den Abbau von regulatorischen Hemmnissen.

In drei Schritten plane China bis 2030 die führende KI Nation der Welt zu werden und lege als einziges Land dafür messbare volkswirtschaftliche Ziele auf makroökonomischer Ebene fest, so die Studie. Über 700 Mio. chinesische Internetnutzer und leistungsfähige Hardware- und Technologiekonzerne schafften dafür beste Voraussetzungen. Zwar laufe das Land den USA in der Grundlagenforschung, der Ausbildung qualifizierter Fachkräfte, bei der Anzahl der KI Startups und international durchsetzungsfähigen Patenten noch hinterher. Die Entwicklungen der letzten Jahre ließen jedoch keinen Zweifel daran, dass das Reich der Mitte aufhole. Allein zur Förderung der Chipindustrie habe Peking 16,4 Mrd. Euro angekündigt, auf der subnationalen Ebene habe eine einzige Stadt (Tijian) einen Fonds von 12,8 Mrd. Euro für KI-Förderung aufgelegt.

Großbritannien verliert Einfluss in der EU

Wie es weiter hieß, einigten sich die britische Regierung und die Privatwirtschaft Anfang 2018 darauf, Forschung und Entwicklung (F & E) sowie die Kommerzialisierung von KI mit 1 Mrd. Euro gemeinsam zu fördern. Gleichzeitig habe die Regierung zur Entwicklung ethischer Richtlinien für KI Grundlagen geschaffen, etwa durch die Gründung eines Zentrums für Ethik und eine für 2019 geplante internationale KI-Ethikkonferenz. Als „historische Schwäche” gelte dagegen die Kommerzialisierung der Forschung, was sich unter anderem durch eine geringe Anzahl an Patentpublikationen ausdrücke. Wie das Land nach dem Brexit weiterhin Wissenschaftler und Unternehmer anziehen und seinen wegfallenden Einfluss in der EU ausgleichen werde, sei noch unklar.

Den Autoren der Studie zufolge sieht Frankreichs Präsident Emmanuel Macron den großen Vorteil seines Landes bei der KI-Entwicklung in der zentralisierten Struktur des Staatswesens. Ob aber Innovationen längerfristig zentral gesteuert werden könnten, sei fraglich. Frappierend sei die geringe Zahl der Institute und Lehrkörper, die aktiv in Bereichen mit direktem KI-Bezug forschten (Großbritannien habe fast achtmal mehr, Deutschland etwa viermal mehr) und die mangelnde Kooperation zwischen Unis und der Industrie. In geplanten KI-Exzellenzzentren würden daher Wissenschaftler gebündelt, um mit Anwendern autonom zusammenarbeiten zu können. Um KI-Startups zu beraten, hätten sich zudem um den StartupCampus „Station F” in Paris herum 30 öffentliche Institutionen angesiedelt. Ein Netzwerk aus freiwilligen KI-Experten („KI-Reserve”) solle den Staat bei der Beschaffung von Technologien beraten und die Cyber-Sicherheit unterstützen, hieß es. (ud)

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