Trends Markt

Photo by Providence Doucet on Unsplash

Startups: Wie KI Musikstücke produziert

Künstliche Intelligenz ist aus vielen Bereichen der Wirtschaft nicht mehr wegzudenken. Banken nutzen KI, um etwa das Kreditausfallrisiko ihrer Kunden zu berechnen oder um komplexe Anfragen zu beantworten. Bei Facebook legen Algorithmen fest, welche Posts, Kurzfilme oder Anzeigen von Medien in welcher Reihenfolge in der Timeline angezeigt werden. Und Sprachassistenten wie Siri reden mit ihren Nutzern, schreiben gesprochene Nachrichten oder erzählen bisweilen Witze. Doch seit einigen Jahren mischt Künstliche Intelligenz auch die Musikwelt auf. Forscher und Firmen arbeiten daran, Musik auf der Basis von KI zu produzieren.

Zum Beispiel das Berliner Start-up Melodrive. Die im Jahr 2016 gegründete Firma ist darauf spezialisiert, mithilfe Künstlicher Intelligenz automatisch Musikstücke zu generieren. Der Mitgründer des Unternehmens, Valerio Velardo, kann als ausgewiesener Fachmann auf seinem Gebiet bezeichnet werden: Er hat einen Doktortitel in Musik und KI. Auf Anfrage der Redaktion „die bank“ erläutert er, wie die Technologie seiner Firma genau funktioniert: „Unser Musik-KI-Software-Modul erzeugt Musik für Videospiele in Echtzeit. Die Musik passt sich hierbei automatisch dem Geschehen auf dem Bildschirm an. Wenn etwa ein Gewitter anbricht, wird die Melodie dramatischer. Bei ruhigen Filmsequenzen wird die Musik sanfter.“

KI greift auf bestehende Musikstücke zurück

Die Software wurde im September 2018 veröffentlicht. Die KI greift auf bereits komponierte Musikstücke zurück und entwickelt diese weiter zu einer neuen Melodie. Laut Velardo muss man sich das vorstellen wie bei einem Regisseur, der einer KI wie einem Schauspieler sagt, was zu tun ist: „Das Drehbuch mit den Grundideen existiert bereits. Die Künstliche Intelligenz studiert die einzelnen Aussagen im Skript, kennt zugleich alle Eigenschaften des PC-Spiels und setzt das Drehbuch intuitiv so um, dass es mit den Geschehnissen auf dem Bildschirm kongruent ist“, so der Entwickler.

Grundlage für den musikalischen Produktionsprozess auf KI-Basis ist das sogenannte Deep Learning: Ein künstliches neuronales Netzwerk schafft eigenständig neue Verbindungen. Damit es dazu in der Lage ist, wird das neuronale Netzwerk mit einer Vielzahl bestehender Musikstücke konfrontiert, um deren Strukturen so gut wie möglich zu verinnerlichen und um eine ausreichende Datenbasis zu haben. Zugleich erhält das Netzwerk Informationen über Noten und Rhythmen, und es wird ihm beigebracht, welche dieser neuen Verbindungen für einen Menschen harmonisch klingen.

Besteht nun die Gefahr, dass Komponisten in naher Zukunft von KI ersetzt werden? Velardo ist davon überzeugt, dass dies so schnell nicht der Fall sein wird. „Es ist sehr schwer für eine Maschine, etwas stilistisch komplett Neues zu schaffen. Im Gegensatz zum Menschen fehlt KI die Fähigkeit zur Kreativität“. Doch der Entwickler glaubt zugleich, dass eine KI wie ein menschlicher Komponist Emotionen mit ihrer selbst geschaffenen Musik freisetzen kann. Bedingung hierfür seien mehr Informationen darüber, auf welche Weise Gefühle in der Musik ausgedrückt werden. Die Experten in Velardos Start-up haben das entsprechende Knowhow: Sie können Musik analysieren und zugleich programmieren.

Velardo: Technik wird sich schnell weiterentwickeln

Velardo ist zuversichtlich, dass sich die Technik rasch weiterentwickeln wird. KI werde im Musikbereich bereits heute gewinnbringend eingesetzt. Der Musik-Streamingdienst Spotify nutze KI etwa, um Songempfehlungen für die Nutzer abzugeben. Ein KI-Stück ist schon heute für die meisten Menschen kaum noch von einem von einer Person geschaffenen Stück unterscheidbar, zum Beispiel der Song Daddy's Car des Start-ups Flow Machines. Dabei handelt es sich um ein Lied, das so ähnlich klingt wie ein Stück der Beatles. Hierzu ein Klangbeispiel:

Daddy's Car zum Anhören auf Youtube

Das Stück ist in der Fachwelt durchaus umstritten. Die KI habe lediglich Kernelemente wie Akkorde oder die Melodie kreiert. Die Orchestrierung, also die Komposition der einzelnen Elemente, sei menschengemacht, so Velardo.

Neben Melodrive sind in den letzten Jahren zahlreiche weitere Start-ups entstanden, die sich auf das Zusammenspiel von Musik und KI spezialisiert haben. Allerdings
stoße musikproduzierende KI derzeit noch auf viel Skepsis, betont Velardo. Zum einen fürchteten Songschreiber und Komponisten, dass die Technologie ihnen zu sehr ins Handwerk pfuschen könnte. Zum anderen würden die meisten Menschen immer noch menschengemachte Stücke bevorzugen. „Die Entwicklung an der Schnittstelle Musik und KI steht noch ganz am Anfang. Wir werden in diesem Bereich noch Quantensprünge erleben“, prognostiziert der Experte.

Valerio Velardo, Gründer und Inhaber von Melodrive. (Bild: Melodrive)

Stichworte

Verwandte Artikel

Anzeige

Lexikoneinträge